Kostet uns der Technik-Overkill im Automobil Kunden?

//Kostet uns der Technik-Overkill im Automobil Kunden?

Kostet uns der Technik-Overkill im Automobil Kunden?

Meine Kunden werden immer älter, das ist mal Fakt – auch wenn mir mein Hersteller immer wieder erzählen will, dass die Zielgruppe für das neue Super-Dupa-Hightech-Kompaktklassen-Modell von Modellzyklus zu Modellzyklus jünger wird, versuchen immer mehr ältere Interessenten sich in das Fahrzeug reinzuheben…

Wir könnten nun natürlich eine demoskopische Diskussion über gespartes Geld und die wirtschaftlichen Verhältnisse im Vergleich zum Alter anpeilen, aber das wäre eigentlich Aufgabe der Automobilhersteller, denn Fakt ist auch:

Wir werden immer älter!

Ich persönlich finde die Altersentwicklung nicht gerade schlecht, und werde bereits einmal jährlich auch daran erinnert dass ich auch schon näher an die Rente komme wenn mir mein Rentenbescheid ins Haus flattert.

Was allerdings durch das „Älterwerden“ auch immer schwieriger wird, ist der technische Fortschritt – nicht weil es keinen technischen Fortschritt mehr gibt, sondern weil mit zunehmendem Alter genau dieser technische Fortschritt dem Kaufverhalten im Weg steht.

nokia 6210Ein Beispiel: Wenn ich zum bevorstehenden Weihnachtsfest (m)einem Vater, sehr rüstig, geistig wach und fit, und dennoch steht in seiner Altersangabe ein Siebener vorne, ein neues Handy kaufen will, weil sein altes Nokia 6210 mittlerweile mehr an der Steckdose als mobil betrieben werden kann, dann werde ich ihm sicherlich KEIN IPHONE kaufen – niemals! Ich werde ihm ein sog. Seniorenhandy kaufen – ein Modell abgespeckt auf das Notwendigste mit gro0em Analogdisplay, großen Tasten, ohne Internet, ohne Apps, ohne Wischbildschirm, ohne Kamera etc.

Das ich ihm ein Seniorenhandy kaufe ist eine Mischung aus Selbstschutz und Pragmatismus, denn nachdem mein Vater mit so einem High-Tech-Produkt unter Garantie nicht umgehen kann, wird er mich mit unzähligen Fragen bombadieren, täglich, stündlich…

„Ich glaub ich hab das Internet gelöscht…“ wird nur eine der Fragen sein die dann auf mich und auf meine komplette Familie einprasseln würde – und wenn ich ganz ehrlich bin, er braucht nur ein Handy und könnte mit ca. 98% der Funktionen eines iPhones überhaupt niemals etwas anfangen! Mein letzter Versuch im Thema „Hightech an Eltern verschenken“ unternahm ich vor Jahren mit einem mobilen Navigationsgerät… – angefangen von der Bedienung bis zum Kartenupdate leiste ich auch heute, gefühlte zehn Jahre danach, einen Support der den Hersteller frohlocken lassen würde… – warum also sollte ich mir dies bei einem Handy wieder antun, und warum sollte ich es ihm antun?

Genau dieses Problem haben anscheinend mittlerweile die Handyhersteller erkannt und bieten genau für diese Zielgruppe Seniorenhandys an – abgespeckt aufs Notwendigste und einfach in der Bedienung – e voila!

Die Frage muss erlaubt sein: Wo bleiben die Seniorenautos? Abgespeckt aufs Notwendigste und einfach in der Bedienung! Ich kenne keins!

auto für seniorenUnd jedes Auto-Modell das die Werkshallen als Produktneuheit verlässt, ist technisch mindestens eine Evolutionsstufe weiter, sodass auch wirklich technikaffine Menschen die damit „aufgewachsen“ sind, zunächst mehrere Probleme haben um die neue Technik sowohl verstehen als auch bedienen zu können.

Kein Wunder also, wenn meine Käufer immer öfter nach der Neuwagen-Auslieferung wieder mit einem DinA4 Zettel bei mir auftauchen um die verschiedenen offenen Fragen mit mir zu erörtern bzw. sich von mir zeigen zu lassen wie auch so „einfache Dinge“ wie das Einstellen der Uhrzeit auf Sommer- / Winterzeit funktionieren. Support bin ich ja spätestens nach dem mobilen Navigationssystem für meinen Vater gewohnt… 😉

Oftmals aber merke ich, wie genau diese Käuferschicht den Fahrzeugwechsel verschiebt oder gänzlich ad Acta legt, da sie bereits bei der Probefahrt an ihre technischen Grenzen gekommen sind – da piepst da was, da lässt sich da was nicht auf Anhieb einstellen bzw. ablesen und so wird Kaufinteresse oftmals zu  Desinteresse! Da wird dann lieber das alte Auto noch ein paar Jahre weitergefahren – auch wenn es wirtschaftlich nicht nachvollziehbar ist – aber Emotion geht vor Ratio!

Ich kenn das aus eigener Erfahrung nur zu gut: Wenn ich mich für ein technisches Produkt interessiere und merke dass es zu kompliziert in der Bedienung ist, kaufe ich es nicht! Oder – wenn ich mir ein technisches Produkt wie zuletzt meinen Medienserver kaufe, und meine Frau kommt damit im heimischen Wohnzimmer nicht zurecht, fliegt er wieder raus, der Medienserver – ganz einfach! Stress im heimischen Wohnzimmer kann ich nicht gebrauchen und bevor meine Neuanschaffung die Familienruhe stört, ist handeln angesagt – schnellstens!

Wissen dies eigentlich die Ingenieure der Automobilhersteller? Und wenn ja, warum handeln und reagieren sie nicht? Warum ist das technische Wettrüsten neben der optischen Überarbeitung eines neuen Fahrzeugs die einzige Innovation? Benötigt ein Kleinwagen wirklich einen Abstandsregeltempomat? Warum müssen Displays immer mehr Informationen anzeigen die eigentlich kein Mensch wirklich zum Autofahren benötigt?

Verglichen mit einem Seniorenhandy das nur die wichtigsten Funktionen beherrscht, müsste so ein Seniorenauto lediglich: Beschleunigen, Bremsen, Rückwärts und um die Kurve fahren können! Oder?

Das ganze hübsch verpackt in einer schicken Karosserie und mit einem spritsparenden Motor ausgestattet, innen ohne Schalterfetischismus ausgestattet, bin ich mir sicher dass viele ältere Autos auf unseren Strassen gegen so ein Modell ausgetauscht werden! Und das genau diese Käuferschicht noch ohne Internet das neue Auto bestellen würde, also wieder ins Autohaus kommt und gerne mit dem Autoverkäufer in das Verkaufsgespräch tritt, wäre vielleicht noch ein weiterer Pluspunkt der für ein Seniorenauto sprechen würde…

By |2013-12-13T08:23:02+00:0013.12.2013|Allgemein|5 Comments

About the Author:

Mein Name ist Frank* ich bin 39 Jahre alt und zertifizierter Automobilverkäufer. Seit nunmehr 17 Jahren verkaufe ich Automobile im Premiumsegment, Hier im Blog schreibe ich über meine persönlichen Erlebnisse und Ansichten. (*Name wurde geändert)

5 Comments

  1. Info 13. Dezember 2013 at 11:02 - Reply

    Hallo,

    meiner Meinung nach ist es immer wieder interessant zu sehen was der Kunde an Ausstattung kauft, und was letztendlich genutzt wird. Ich habe oft das Gefühl dass gewisse Knöpfe ungenutzt bleiben, der Kunde aber beim Stammtisch genau erzählen kann wie z.B. die Distronic arbeitet und wie wichtig dieser Ausstattungspunkt ist. Meine Erfahrung (Gebrauchtwagen): Es wird sich zwar oft über die Masse an Ausstattungen beschwert, gekauft wird es trotzdem. Ein „Rentner-Fahrzeug“ würde im Premiumsegment nicht angeommen werden. Da bin ich mir sicher.

    Grüße

  2. […] Je mehr man nachdenkt, wie schlimm Gurgel mit den NSA – Abschlürfern verfilzt ist, desto schlimmer liest es sich. Gurgel wird Mercedesbmwaudi – Kfz – Zulieferer. Mir geht da noch ein Beitrag vom “Automobilverkäufer” durch den Kopf, was man den 60+ Altersgenossen und -innen in der dystopischen Mediengesellschaft noch alles zumuten kann.  […]

  3. […] gerade ältere Menschen fühlen sich mit den Quantensprüngen der technischen Entwicklungen, die mit jedem neuen Modell […]

  4. Tobias 25. Februar 2014 at 13:23 - Reply

    Naja, als Seniorenauto würden mir schon einige Baureihen einfallen – nur keine Neuwagen 😀

    Außer meinem B-Corsa, kenne ich kein Auto, bei dem ich nachts auf der Autobahn während der Fahrt blind Heizung und Radio bedienen kann.

  5. Wolfgang ebert 19. Oktober 2014 at 07:53 - Reply

    Ich bin als ehemaliger Autoverkäufer auch schon 76 und habe ein Smartphone, das ich leidlich bedienen kann und keinen Support benötige!
    Bei Automobilen ist es anders, weil sie auch von Fahrern genutzt werden, die sich nicht für Technik interessieren. Diese Fahrer brauchen einfache Autos mit selbsterklärender Bedienung. Es gab Autos mit diesen Eigenschaften, jetzt wohl nicht mehr (außer im Billigsegment) Vielleicht hat deshalb der Gebrauchtwagenmarkt den Neuwagenmarkt so auffällig hinter sich gelassen, weil hier jeder noch das für ihn passende Fahrzeug findet.

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