Die Arbeitszeit eines Automobilverkäufers

//Die Arbeitszeit eines Automobilverkäufers

Die Arbeitszeit eines Automobilverkäufers

Ich werde immer wieder angeschrieben wie denn wohl die Arbeitszeit eines Automobilverkäufers in der Realität ist – gerade Neu- und Seiteneinsteiger tun sich schwer mit den vorhandenen bzw. nicht vorhandenen Informationen – und die vorgelegten Arbeitsverträge „gaukeln“ oft was anderes vor, als es dann die Realität wiederspiegelt…

Als ich „damals“ vor hundert Jahren (gefühlt) als Automobilverkäufer angefangen habe – hatte mir der damalige Verkaufsleiter immer wieder erzählt dass es ihm nicht wichtig ist WIE LANGE ich arbeite – sondern wie erfolgreich – und damals stimmte es wirklich – ich hätte auch gut und gerne meinen gesamten Tag irgendwo auf einem Tennisplatz (Tennis war damals das heutige Golf) mich rumtreiben können – Hauptsache war, dass ich irgendwann dann die Durchschreibe-Sätze mit den Bestellungen bei ihm abgegeben habe… – und nachdem es weder Handy noch andere Kontroll-Gadgets gab, reichte es wenn ich mich einmal am Tag bei „meiner“ Disponentin per Telefon meldete – die Dame war quasi mein Backoffice – sie hielt mir den Rücken frei und ich konnte mich wirklich ums verkaufen kümmern – am Tennisplatz, beim Mittagessen oder wo auch immer – egal!

Alle waren glücklich… Wahnsinn! Heute herrscht schon Ausnahmezustand wenn ich mich unter Tags mal länger als ne halbe Stunde ausserhalb des Autohauses aufhalte und dann am Schluß noch in einem Funkloch bin – und somit nicht erreichbar…

Der Arbeitstag von mir und meiner Kollegen dreht sich schon lange nicht mehr ums Verkaufen von Autos – das machen wir alle nur noch maximal 10% unserer Arbeitszeit – aber diese Arbeitszeit ist, zumindest bei mir täglich unter der Woche von 8 Uhr morgens bis 19 Uhr am Abend. Zieht man dann noch meine Mittagszeit von einer Stunde ab, bleibt eine tägliche Arbeitszeit von 10 Stunden (mit Hin- und Rückfahrt in denen ich oftmals auch noch Telefonate führe komme ich sogar auf 11 Stunden – aber wir wollen nicht kleinlich sein…).

Täglich also 10 Stunden ergibt am Ende der Woche 50 Stunden, und dann gibts da noch den Samstag an dem ich quasi jeden zweiten von 09 Uhr bis 14 Uhr arbeite – sind auch nochmal 5 Stunden…

Wenn ich dann noch die ganzen Sonderschauen, Messen, VIP-Abende und sonstige „besondere Formen“ der Arbeitszeiten ansehe, komme ich also im Schnitt auf eine wöchentliche Arbeitszeit von knapp 57 Stunden / im Durchschnitt.

Natürlich steht auch in meinem Arbeitsvertrag dieses BlaBla von wegen, dass ich eine 40 Stundenwoche habe und alles darüber hinaus bereits abgegolten ist – aber ich weiß auch – dem Internet sei Dank – dass ein Überschreiten dieser im Arbeitsvertrag „vorgegaukelten“ 40 Stunden um mehr als 40% sittenwidrig ist.

Wer es nicht glaubt, dem sei unbedingt die Lektüre eines Gerichtsurteils des Bundesarbeitsgerichts (Az.: 5 AZR 765/10) empfohlen. In dem entschiedenen Fall muss der Arbeitgeber einem ehemaligen Mitarbeiter deshalb 968 Überstunden für die letzten drei Jahre nachzahlen.

Der Arbeitsvertrag des Klägers, einem Lagerleiter, sah eine wöchentliche Arbeitszeit von 42 Stunden vor. Darüber hinaus sollte der Kläger wenn nötig ohne besondere Vergütung Überstunden leisten. Nachdem der Mitarbeiter den Betrieb verlassen hatte, forderte er für insgesamt drei Jahre eine Überstundenachzahlung und bekam schlußendlich Recht! Auch Paragraf 612 Absatz 1 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) gibt Hinweise wenn eine wirksame Regelung fehlt um vom Arbeitgeber geleistete Mehrarbeit zu fordern.

Fakt ist aber, dass ihr nicht einfach klassisch was behaupten könnt – ihr müsst es schon nachweisen! Wer also ab heute mal die nächsten Wochen und Monate seine Arbeitszeiten protokolliert (am besten mit der firmeneigenen Stempeluhr) der erhält nicht nur ein transparenten Einblick in seine tägliche Arbeitszeit sondern hat auch eine ganz andere Ausgangsbasis – und wenn er mit diesen erworbenen Kenntnissen auch „nur“ seinen echten, wahren Stundenlohn ausrechnet – denn 4.500 Euro brutto bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 57 Stunden entspricht einem „echten“ Stundenlohn von 20 Euro brutto… – nicht mehr aber auch nicht weniger!

Schon so mancher Kollege von mir hatte feuchte Augen als ich ihm diese einfache Rechnung aufgemacht habe – wir belügen uns nämlich gerne selber… aber man sollte mindestens einmal im Jahr mit sich selber mal im Reinen sein und solche Auswertungen machen – dann wirds nämlich einfacher mit dem Leben!

Und übrigens: Ja – wir verdienen kein Geld für geleistete Stunden, sondern Geld aus Provision – aber deshalb müssen und dürfen wir nicht schlechter gestellt werden wie andere Angestellte! Heißt – es gibt AUSGLEICH für Krankheit, Urlaub, Schulungen, Präsentationen und sonstiges.

Wenn euer Verkaufsleiter 14 Tage krank ist, erhält er sein Gehalt einfach weiterhin – und so ist es auch bei euch – sprecht ihn einfach mal auf die 1/250stel Regelung an – er wird dann schon wissen was ihr meint – wenn nicht – das Internet wird ihm helfen – zur Not auch ich 😉

By |2015-02-23T07:05:59+00:0023.02.2015|Allgemein|4 Comments

About the Author:

Mein Name ist Frank* ich bin 39 Jahre alt und zertifizierter Automobilverkäufer. Seit nunmehr 17 Jahren verkaufe ich Automobile im Premiumsegment, Hier im Blog schreibe ich über meine persönlichen Erlebnisse und Ansichten. (*Name wurde geändert)

4 Comments

  1. Jan 23. Februar 2015 at 10:34 - Reply

    „Wenn euer Verkaufsleiter 14 Tage krank ist, erhält er sein Gehalt einfach weiterhin – und so ist es auch bei euch – sprecht ihn einfach mal auf die 1/250stel Regelung an – er wird dann schon wissen was ihr meint – wenn nicht – das Internet wird ihm helfen – zur Not auch ich “

    Bitte erläutern. Google kann mir ausnahmsweise mal nicht zu diesem Thema helfen. Wahrscheinlich liegts auch an der falschen Eingabe des Suchbegriffs… Vielen Dank im Voraus!

  2. Gernod Krämer 23. Februar 2015 at 22:14 - Reply

    Leider verlangen viele Arbeitgeber ihren Mitarbeitern so übermäßig viel ab, dass sie sich nicht nur arbeitsrechtlich in die Bredouille bringen, sondern Ihre Mitarbeiter auch ganz schnell wieder verlieren, da diese diesem Druck verständlicherweise nicht mehr standhalten können.

  3. Oli 4. März 2015 at 19:04 - Reply

    EIne 50-60+ Stundenwoche ist mittlerweile leider normaler Alltag.
    Umso schlimmer, dass auch Berufseinsteiger diese Stundenzahl haben bei deutlich weniger Verdienst. In mehreren Autohäuser habe ich schon erlebt wie der „Neuling“ mit um die 2000 Euro brutto die gleiche Arbeitszeit leistet. Das sind bei 220 Stunden monatlich etwa 9 Euro Stundenlohn!!! Interessant ist aber, dass ich bisher nur sehr wenige kennengelernt habe, die das länger als 6 Monate mitmachen.
    Die Chefs interessiert es aber nicht. Irgendwann kommt schon einer der länger bleibt…..

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