Autos verkaufen & die Work-Life-Balance

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Autos verkaufen & die Work-Life-Balance

Keine Angst, hier kommt nun keine Abhandlung über die Work-Life-Balance als Automobilverkäufer und/oder die Einflüsse unseres Jobs auf die jeweilige Work-Life-Balance, obwohl…

Zugegeben – Ich bin in den letzten Tagen schon ein wenig melancholisch… Angefangen hat eigentlich alles mit der Krise bei VW – dem #Dieselgate wie es Fachleute und solche die meinen Fachleute zu sein, uns allen in großen Lettern in die Zeitungen und Zeitschriften diktierten. Ich bin zwar überhaupt nicht beim VW Konzern angestellt, aber auch „meine“ Premiumkunden kamen scharenweise auf mich zu um über das #Dieselgate bei VW im Einzelnen und natürlich der Chance bzw. der Wahrscheinlichkeit, dass diese Software so oder ähnlich auch in „meine“ Autos eingebaut ist, mit mir zu diskutieren.

Ich persönlich habe zwar noch nie ein Auto selbst gebaut – aber das interessiert halt meine Kunden herzlich wenig, zumal der Autoverkäufer, im Gegensatz zum Immobilienverkäufer, anscheinend immer näher am jeweiligen Produkt ist… – mit Verlaub: Ich habe meinen Immobilienverkäufer noch nie gefragt, ob bei der Innenwand am Kachelofen nicht auch geschummelt wurde… – hätte er mir vermutlich auch genauso wenig beantworten können wie ich die Fragen meiner Kunden nach etwaiger Schummel-Software…

Was mich natürlich in diesem Zusammenhang noch mehr auf die Fichte gebracht hat, war natürlich die Tatsache, dass von einer vermeitlichen Schummel-Softwarelösung bei einem Mitbewerber sofort alle notwenigen Schlüsse auf das Auto an sich, und natürlich das Produkt im Besonderen gezogen wurde… – und so wurde über das „angepasste Abgasverhalten“ sofort Rückschlüsse auf den angegebenen Spritverbrauch gezogen… Naja…

Klar ziehen solche Gespräche runter – zumal ich persönlich, genauso wie tausende meiner Kollegen bei VW auch nichts dafür können wenn ein Konzern, eine Abteilung in einem Konzern oder ein Einzelner irgendetwas manipuliert… – Wir alle verkaufen das Produkt „nur“ – aber das in die Köpfe der Kunden zu bekommen ist kaum möglich und belastet natürlich, weil es nervt…

Das alleine hat für meine Melancholie vielleicht die Initialzündung gegeben, vielleicht auch der Verweis den mein Sohn wegen Schwänzen des Religionsunterrichts mit nach Hause gebracht hat – aber schlussendlich hat mich ein Anruf meiner Ex-Kollegen eines Händlerbetriebs schon sehr nachdenklich gemacht. Der Betriebsleiter musste mit 57 Jahren von uns und dieser Welt gehen… – nach langer schwerer Krankheit – wie es in der Sterbeanzeige tags drauf stand… Puhhh… mit 57 Jahren… – meine Gedanken drehen sich immer mal wieder um seine zwei Töchter 17 und 15 und seine Frau und natürlich auch um die Tatsache, dass der Junge wirklich alles für „sein“ Autohaus getan hat – ein 24/7-Jobber, ein Workaholic, einer der am Sonntag nachmittag „noch schnell“ sich mit dem Laptop in den Betrieb einwählte um zu sehen wie Werkstattauslastung am kommenden Montag wohl sein würde…

Er ist damals irgendwie in diese Position als Betriebsleiter gekommen – war sicherlich eigentlich vom Vorwissen her, gar nicht dafür geeignet, aber mit seinem Engagement und Herzblut hat er für mich immer nicht nur einen Betriebsleiter sondern auch kühlen Kalkulator und Controller dargestellt. Und nun mit 57 Jahren, weg von dieser Welt… mausetot… puhhh…

In diesen Momenten wird eigentlich schnell klar was tolle Menschen mit „Work-Life-Balance“ wirklich meinen -> Das Verhältnis wie Arbeits- und Privatleben miteinander in Einklang stehen… Der Junge hatte eine sehr unausgeglichene Work-Life-Balance – sicherlich mehr Work wie Life, viel mehr Work… Ich habe irgendwann mal nach 2-3 Bier an einer Weihnachtsfeier mit ihm lange und gut gesprochen und er erzählte mir von seinem Traum mit 60 das Arbeiten aufzuhören, seine zwei Töchter wären dann beide volljährig und er wollte dann mit seiner Frau Europa mit dem Wohnmobil erkunden – monatelang – dort wo es ihm gefällt bleibt er, dann fährt er wieder weiter etc. – und nachdem das alles natürlich Geld kostet vorallem wenn er nicht mit 67 in Rente gehen will, sondern früher, hatte er in seinem Plan halt stehen, dass er halt jetzt ranklotzt, damit er dann später… – aber irgendeiner da oben hatte mit ihm einen anderen Plan vor, und sich schlußendlich durchgesetzt…

Es sind diese Momente, die mich nicht nur Rückbesinnen lassen, sondern den aktuellen Status-Quo meines täglichen Schaffens komplett auf den Prüfstand stellen… Klar weiß ich, dass der Job des Automobilverkäufers nicht gerade der 9-to-5 Job ist, aber in solchen Momenten muss man sich schon mal die Frage nach dem Sinn stellen, wenn man mal wieder bis 19 Uhr auf irgendwelche Kunden warten darf, die von der Probefahrt 2 Stunden überfällig sind – während zuhause die Familie alleine, ohne mich zum Abendessen zusammenkommt…

Klar weiss ich auch, dass meine Melancholie so lange nicht anhalten wird – das Leben geht weiter, wenngleich ich es ganz gut finde, dass mich solche „Ausseneinflüsse“ immer noch stark beschäftigen können – denn – so werde ich immer wieder zur rechten Zeit „geerdet“ und aufgezeigt, dass alles Geld, alles Lob, und der geilste Job der Welt mir vieles nicht zurückgeben könnten, bzw. ich mit diesen Dingen das andere nicht rechtfertigen kann!

…und das ist gut so!

By |2015-10-13T11:06:15+00:0013.10.2015|Allgemein|7 Comments

About the Author:

Mein Name ist Frank* ich bin 39 Jahre alt und zertifizierter Automobilverkäufer. Seit nunmehr 17 Jahren verkaufe ich Automobile im Premiumsegment, Hier im Blog schreibe ich über meine persönlichen Erlebnisse und Ansichten. (*Name wurde geändert)

7 Comments

  1. Nero 13. Oktober 2015 at 21:03 - Reply

    ich bin mir ziemlich sicher das Andere Autohersteller mindestens oder genau so schummeln oder geschummelt haben, nur VW hat leider das Pech erwischt zu werden. Bin gespannt was alles noch in nächster Zeit aufgedeckt wird.

  2. Wolfgang Ebert 14. Oktober 2015 at 16:17 - Reply

    Liebe Verkäufer,
    Ihr lest scheinbar wenig Zeitung, sonst wüsstet Ihr: Die Abgasreinigung ist nicht an der Technik, sondern am Budget gescheitert. Die VW-ingenieure haben bereits 2007 erkannt, daß die Stickoxide mit dem vorhanden Budget nicht im gewünschten Maß zu drosseln sind.
    Wie gings weiter? Irgendjemand muß zu ihnen gesagt haben: Wir können das Budget für diesen Motor nicht erhöhen, laßt euch was einfallen. Niemand anders als Herr Winterkorn hatte die letzte Entscheidung – deshalb ist er auch so sang – und klanglos zurückgetreten.

  3. Stadtkind 15. Oktober 2015 at 08:43 - Reply

    Bester Artikel bisher ( auch wenn ich immer so meine Probleme mit der süddeutschen Sprache habe ). 😉
    @ Nero
    es sind genau diese Vermutungen und Spekulationen , weshalb uns die Kunden „nerven“ und unentschlossen sind. Leider schadet der VW Skandal, der gesamten Branche. Und wenn ich dann immer lesen, „die haben mindestens genauso …. “ – Was heißt bitte schöne mindestens? Nein, andere Hersteller haben diese Software nicht verbaut.

  4. Thomas Scholz 16. Oktober 2015 at 11:26 - Reply

    DANKE für diesen Artikel. Und genau deswegen orientiere ich mich langsam vom Vertrieb weg. Was bringt einem das Ansehen und /oder Geld, wenn man weit vor der Rente das zeitliche segnet? Dann lieber weniger Geld, aber auch weniger Stress durch weniger Arbeit und gleichzeitig mehr Lebensqualität, denn die Lebensqualität ist nicht vom Geld abhängig, sondern was man daraus macht!

  5. Gustaf Larson 21. Oktober 2015 at 06:02 - Reply

    Das Dieselgate schadet der gesamten Branche – soviel steht fest. Trotzdem möchte ich kurz auf den wichtigen Punkt der Work-Life-Balance eingehen. Gerade als Verkäufer ist es hier sehr schwierig zwischen beruflich und privat zu trennen. Man ist gewissermassen immer Autoverkäufer, umso wichtiger ist es, sich entsprechenden Ausgleich zu verschaffen, um seltener in Melancholie zu verfallen. Beste Grüsse aus der Schweiz

  6. Christop 24. Oktober 2015 at 14:14 - Reply

    Mal abgesehen von dem ganzen „Dieselgate“-Gequatsche, klar das kann ganz schö nnerven, wenn die Kunden jetzt alle kommen. Und zur Work-Life Balance. Da sollte man immer auf seinen Körper hören und auch öfter mal Fünfe-Grade-sein-lassen! In der heutigen Zeit ist es halt auch so, dass die die für Ihren Beruf leben, von diesem auch ins Grab geschickt werden. Als besser mal weniger fürs Arbeiten leben und lieber fürs Leben arbeiten!

  7. OpenMinded 8. April 2016 at 20:07 - Reply

    Die Verantwortung für etwas eingeredet zu bekommen, das außerhalb des eigenen Einflussbereiches liegt, ist eine ganz normale, menschliche Angelegenheit. Der Kunde will sein „Bäuerchen“ machen. Der Ingenieur, der manipuliert hat, ist nicht greifbar, eben so wenig wie der Vorstand der Marke. Aber das Verkäuferlein ist es. Schließlich muss er ja umfassend in die Untiefen des Produktes eingeweiht sein – er repräsentiert ja die Marke.

    So einen Unsinn erlebt man sicher nicht nur in der Automobilwirtschaft. Es reicht, wenn man „ein Türchen“ weitergeht und sich die Finanzwirtschaft anschaut. Ein Produkt, was nicht mit Händen zu greifen ist steht unter permanenter „Beobachtung“ und Ver- entschuldigung BE-urteilung der Politik, der Presse und dem „Bruder von Vatter von Kollegen“. Mythnbildung nennt man so etwas auch. Wenn ich jetzt nur das Wort „Riester“ fallen lasse, mag jeder einmal in sich reinhören, was das auslöst.

    Niemand von den Herrschaften der selbsternannten Finanzexperten schafft es, das zu Grunde liegende Gesetz (und damit den tatsächlichen Effekt, den dieses Konzept hat, wenn es richtig angewendet wird) richtig zusammenzufassen. Und die Stiftung Finanztest (und andere Presse) schüttet im einen Quartal einen Haufen Sch*e über Riester um es im folgenden Quartal über den Klee zu loben. Übertragen auf „Eure Branche“ bedeutet Riester im Grunde nix anderes, als das die Kunden ein Auto Kaufen und sich Vater Staat durchschnittlich mit 30% an den Betriebskosten beteiligt. Nur, damit der Kunde Auto fahren kann. Bewahrt das die Menschen vor Autos, die „bescheiden“ entworfen wurden (siehe VW)? Oder Montagsautos? Oder, selbst wenn es eine „geile Karre“ ist, findet Verschleiß (Marktentwicklung, Zinsentwicklung etc.) nicht statt?

    Eben! Mag niemand hören oder wahrhaben, ist aber so. Also erkläre ich meinen „Leuten“ immer wieder: wir schauen uns in ein paar Jahren mal an, ob alles ok ist. Einmal im Jahr machen wir eine Motodiagnose und gucken, ob das Aggregat wirklich rund läuft. Im Zweifel müssen wir uns etwas überlegen. So was macht Ihr doch systematisch, oder? Nennt man das vielleicht Inspektionsintervalle und Rückrufe? In meiner Branche scheint das eine Innovation zu sein! Das doofe daran: gefühlt 80% der zugelassenen Karren läuft auf „drei Pötten“ und niemand kümmert sich darum (ausser gefühlt: ich ). Tipp am Rande: bestellt euren Finanzonkel einmal im Jahr zum „Riestercheck“ ein – dafür ist er ausgebildet worden und dafür hat er eine Abschlussprovision bekommen. Aber das nur am Rande. Ihr dürft gerne auch mal die Seite des Schreibtisches wechseln 

    Nicht, das ich missverstanden werde! Ich sage nicht, das alles damit Leichter wird. Ich denke aber, das dieses „Einreden von Verantwortung“ ein Ergebnis von „zu hohen Erwartungshaltungen“ ist. Und die Erwartungen müssen ja durch jemand geweckt worden sein. Und hier mag jeder für sich finden, wie hoch sein Anteil daran war.

    Der Kunde verlangt (zu Recht) nach Aufmerksamkeit. Dafür bin ich zuständig, denn ich bin das Gesicht des AH bzw. der Marke – ganz offenkundig. Meine Konsequenz und Prinzip: nicht mehr versprechen als machbar ist. Wenn dem Kunden das nicht reicht, dann ist er der Kunde von jemanden anderen. Nicht meiner. Mental Hygiene ist äußerst wichtig. Mit chronischen Depressionen kann man nur arbeiten, wenn man gelernt hat damit umzugehen. Die Fähigkeit haben leider die wenigsten. Und so leiden die Abschlüsse darunter. Aufhören, sich etwas einreden zu lassen – von niemanden. Mental Hygiene beachten.

    Das ist nicht einfach und erfordert Mut, der Preis des „Unterlassens“ ist nur viel zu hoch.

    Man kann dem Kunden erklären, wo die Verantwortungen und Möglichkeiten liegen. Meine Verantwortung ist es nun, eine Lösung für die Situation / das Problem im Rahmen der Möglichkeiten zu finden. „Mehr“ nicht. Und das sollte dann zumindest dazu beitragen, das die brave Seele ein wenig Ruh bekommen darf. Ein Kunde neigt nur dann zu „Ausnutzen“ und „Überanspruch“ stellen, wenn man ihm die Möglichkeiten dazu bietet.

    Eine Grenze ziehen ist sicher nicht leicht, aber ohne Grenze findet auch kein „Work-Life-Balance“ statt. Mein Tipp dazu:
    http://www.ted.com/talks/nigel_marsh_how_to_make_work_life_balance_work

    Ich überlege immer noch, ob ich bei „Euch“ mitmachen soll. Ich will einerseits nicht vom Regen in die Traufe kommen, andererseits, nun ja … der Job hat ja auch sicher positives (auch und gerade im Jahr 2016). Oder? Frank, wäre das nicht eine Idee? „Warum dieser Job dennoch ein toller ist“ … so als Arbeitstitel. Nicht schönreden. Nur auch mal das andere darstellen. Warum sollte ein Vertriebsmann einen Wechsel in Eure Branche unternehmen? Was ist toll und lohnenswert? Welche Perspektiven gibt es? Welche „Sicherheiten“ (es gibt keine! aber es darf sich so anfühlen)? Ist das eine Idee?

    Bestes, ich bin neugierig!

    Und: Euch allen ein langes und fröhliches Leben 🙂

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