Gestern jubelte die IG Metall: 3,4 Prozent mehr Geld und eine Einmalzahlung von 150 Euro liessen die Sektkorken knallen! Überall war ausgelassene Stimmung… Überall – fast, nur ein kleines Völkchen von Automobilverkäufern ging (mal wieder) leer aus…

Während also die, die unsere Produkte produzieren und reparieren, mal wieder mehr Geld erhalten, sitze ich an meinem Schreibtisch und denke über meine Gehaltserhöhungen der letzten Jahre nach… – also von einer Gehaltserhöhung kann man nicht sprechen – vielmehr ist es eine Kaufpreisanpassung der Produkte von denen ich dann prozentual partizipiere. Ich muss nicht mal einen Taschenrechner aus der Schublade holen um zu erfassen, das eine Preiserhöhung von 1,6% auch bei mir in der Lohntüte 1,6% mehr ausmachen…

Während also meine Kollegen in Werkstatt und Produktion über 3,4% jubeln (die Einmalzahlung lass ich hier mal aussen vor), kann ich mich, wenn der Hersteller die Preise erhöht, über eine Lohnerhöhung auf Inflationsraten-Niveau „freuen“.

Noch bitterer wird es, wenn ich mir mal meinen fixen Gehaltsbestandteil, das Fixum ansehe:

Bei allen Premiumherstellern ist das Fixum irgendwo bei 600.—Euro brutto – und das bereits seit einer Ewigkeit. Ich müsste nun nachschauen, aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich irgendwann, irgendwo mal ein höheres Fixum gehabt hätte… – und wenn ich Eure Reaktionen und Emails so querlese, ist das deutschlandweit so – seit über 15 Jahren… Witzig ist, dass die Kaufkraft von 600.- Euro vor 15 Jahren heute genau noch 310.- Euro entspricht!

keine Lohnerhöhung,
keine Inflationsanpassung!

Nehmen wir mal eine durchschnittliche Inflation in den letzen 15 Jahren i.H.v. 3% an (was eigentlich zu wenig ist, aber egal…) – dann würden die damaligen und jetzigen 600.- Euro Fixum umgerechnet heute einem Betrag von 940.- Euro entsprechen – also 340.- Euro mehr als es der Ist-Zustand derzeit ausweist.

340 Euro sind mehr als 50% des Gehaltsbestandteils Fixum, also verzichten wir Automobilverkäufer mittlerweile auf mehr als die Hälfte unserer festen, fixen Bezüge! Mit anderen Worten verzichtet ein jeder Automobilverkäufer derzeit monatlich auf über 300 Euro – das sind bei vielen bereits 1,5 Fahrzeuge die sie im Monat mehr verkaufen müssen um diese Lücke zu schließen! Im Jahr verzichten wir somit kumuliert auf 3.600.- Euro brutto bzw. müssen diese Lücke durch den Mehrverkauf von 18 Fahrzeugen/Jahr kompensieren – also egalisieren – daraus wird auch schnell klar, dass man heute einfach „mehr arbeiten“ muss um das gleiche Fixum zu verdienen…

Das Fixum des Automobilverkäufers ist somit die gelebte kalte Progression!

Wer es genau wissen will, dem sei unbedingt die Lektüre vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall aus dem Jahr 2012 empfohlen: http://www2.unternehmerverband.de/redaktion/cms/upload/PDF/aktuelles-news/Tarifentwicklung_1990_bis_2011-02.12.pdf für alle die es quick & dirty wollen hier das entscheidende Zitat:

Die Beschäftigten der Metall- und Elektro-Industrie haben in den zurückliegenden beiden Jahrzehnten deutlich an der wirtschaftlichen Entwicklung partizipiert. Ihr tatsächliches tarifliches Jahresentgelt stieg nominal von 24.530 Euro im Jahr 1990 auf 42.200 Euro im Jahr 2011 – das ist ein Zuwachs um fast 80 Prozent. Selbst unter Berücksichtigung der Preisentwicklung verbleibt noch ein Reallohnzuwachs von rund 20 Prozent.

Fast 80 Prozent Lohnzuwachs in den letzten 20 Jahren – ja, ihr habt richtig gelesen… 80 (in Worten: Achzig) Prozent!!!

Wie der Bericht allerdings weiter ausführt, bleiben effektiv davon „nur“ 20 Prozent mehr übrig, den Rest frisst die Preisentwicklung (Inflation).

Hausaufgabe an die „alten“ Hasen im Automobilverkauf:

Jetzt geht jeder mal auf den Dachboden oder in den Keller und sucht sich seinen Sozialversicherungsbescheid von 1990 raus, auf dem sein kumuliertes Gehalt steht. Dieses Gehalt von „damals“ multipliziert er mit 80 Prozent und rechnet es dann um von DM auf Euro. Bitte aber Stuhl und Taschentücher bereit halten!

Während also unsere Tarif-Kollegen für die gleiche Arbeit mit geregelten Arbeitszeiten etc. heute 80% mehr verdienen wie im Jahr 1990 bleibt die Lohnsteigerung bei Automobilverkäufern doch sehr übersichtlich. In meinem Fall „irgendwo“ bei 40 Prozent – was im ersten Moment ja auch nicht schlecht wäre, wenn da nicht der Preistreiber „Inflation“ wäre, die, wenn man o.a. Lektüre vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall nochmal zu Rate zieht, bei ungefähr 60 Prozent im gleichen Zeitraum lag.

Dies bedeutet, dass ich im Gegensatz zu meinen tariflichen Kollegen mittlerweile ca. 20 Prozent weniger verdiene wie im Jahr 1990! „Gefühlt“ ist es sogar mehr – aber hierfür reichen weder meine Kenntnisse in Wahrscheinlichkeitsrechnungen, noch mein Mut um die Wahrheit wirklich ungeschönt zu ermitteln!

Bildquelle Titelbild: GG-Berlin / pixelio.de